Freitag, 22.September 2017

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Allgemeine Einführung 

Die von den DDR-Behörden angeordneten Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze können als Vertreibung verstanden werden, die auch zur Flucht in den Westen führten. Triebfeder der organisierten Aussiedlungen waren die verschärften Grenzsicherungsmaßnahmen des SED-Regimes, die 1952 auf Anordnung der Sowjets begannen und als „Verteidigung gegenüber den westdeutschen Aggressionen“ propagiert wurden: Als Deutschland 1945 in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, entstand zugleich eine provisorische Grenze zwischen der sowjetischen und der britischen und amerikanischen Besatzungszone – die sogenannte Demarkationslinie.

Polizeiverordnung

 (Links zu sehen: "Polizeiverordnung über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie" - freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch das Grenzlandmuseum Eichsfeld)

Die Zuspitzung des Ost-West-Konflikts, unter anderem im Koreakrieg ab 1950, aber auch die Annäherung der Bundesrepublik Deutschland an den westlichen Machtblock durch die Unterzeichnung des Deutschlandvertrages am 26. Mai 1952 führten dazu, dass entlang der 1.300 Kilometer langen innerdeutschen Grenze ein verschärftes „Grenzregime“ eingeführt wurde. Bis dahin hatten die Bewohner der Grenzgegend aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch aufgrund familiärer und kultureller Beziehungen oftmals die nur wenig bewachte Demarkationslinie „illegal“ überschritten. Nun wurde die Grenze in einem dreifach gestaffelten System, bestehend aus einem 10-Meter breiten Kontrollstreifen, einem 500-Meter Schutzstreifen und einer 5-Kilometer Sperrzone, abgesichert. Alle Bewohner des 5-Kilometer Sperrgebietes wurden registriert und erhielten in ihrem Personalausweis einen Stempel mit der Aufenthaltsberechtigung für die Sperrzone. Die Bewohner des 500-Meter Schutzstreifens, die noch näher an der innerdeutschen Grenze lebten, mussten zusätzlich einen Stempel der Grenzpolizei in ihrem Ausweis vorweisen, wenn sie ihren Wohnort betreten wollten.

Zudem erarbeiteten das Ministerium für Staatssicherheit und die Volkspolizei Listen mit (vermeintlich) „unzuverlässigen“ Personen, die aus dem 500-Meter-Schutzstreifen auszusiedeln waren. Zwischen dem 5. und 8. Juni 1952 wurden dann in Nacht-und-Nebel-Aktionen in Thüringen insgesamt 3.754 Personen aus dem Grenzgebiet ins Landesinnere zwangsausgesiedelt. Viele Betroffene erfuhren von den geplanten Aussiedlungsmaßnahmen rechtzeitig im Vorfeld und konnten in die Bundesrepublik fliehen. Allein in Südthüringen flüchteten etwa 500 Personen in den Westen Deutschlands. Insgesamt wurden im Jahr 1952 DDR-weit 8.331 Menschen zwangsausgesiedelt. Der Mauerbau und die folgenden Absperrmaßnahmen seit dem 13. August 1961 leiteten eine zweite Aussiedlungswelle ein, von der in Thüringen 1.597 Menschen betroffen waren. Neben diesen zwei großen Zwangsaussiedlungsaktionen gab es bis Mitte der 1980er Jahre auch Einzelaussiedlungen, wobei die Anzahl der Betroffenen bis heute nicht bekannt ist.
In der Beschäftigung mit dem Thema Flucht und Vertreibung in Thüringen rücken besonders die Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen thüringischen Grenze in den Blick. In den folgenden Unterkapiteln werden daher die beiden großen Aussiedlungsaktionen 1952 („Aktion Ungeziefer“) und 1961 („Aktion Festigung“) in Thüringen, aber auch Zwangsaussiedlungen nach 1961 ausführlicher beschrieben. Das Zusammenspiel der staatlichen Institutionen wird ebenso betrachtet, wie die willkürliche, teilweise auf Denunziationen beruhende Auswahl der auszusiedelnden Personen. Die ansässige Bevölkerung nahm aber nicht in allen Fällen die Zwangsaussiedlung ihrer Nachbarn hin, sondern leistete aktiv Widerstand gegen die Staatsgewalt. Das wird am Beispiel des Ortes Streufdorf im Kreis Hildburghausen deutlich gemacht. Wie die Betroffenen den Verlust ihrer Heimat hinnahmen, zeigen dann die Zeitzeugenberichte von Annegret Büttner und Manfred Wagner. Der juristischen Aufarbeitung mit Rehabilitierung und Wiedergutmachung ist ein weiteres Kapitel gewidmet. 

 

Kapitel 1: Zwangsaussiedlungen 

Zwischen dem 5. und 8. Juni 1952 wurden in Nacht-und-Nebel-Aktionen in Thüringen insgesamt 3.754 Personen aus dem Grenzgebiet zur Bundesrepublik ins Landesinnere zwangsausgesiedelt, insgesamt mussten in jenem Jahr DDR-weit 8.331 ihre Heimat aufgeben. Der Mauerbau und die folgenden Absperrmaßnahmen seit dem 13. August 1961 leiteten eine zweite erzwungene Aussiedlungswelle ein, von der in Thüringen 1.597 Menschen betroffen waren. Eine interaktive Karte zeigt über 200 betroffene Orte und macht das Ausmaß der Zwangsaussiedlungen in Thüringen nachvollziehbar. 
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Kapitel 2: Kreisverweise in Thüringen

Die Ausweisungen aus dem Kreis gingen einher mit den Enteignungen landwirtschaftlicher Güter, privatwirtschaftlicher Industriebetriebe, Hotels und Pensionen im Zeitraum von Herbst 1945 bis in die 1950er Jahre. Die Enteignungen und Vertreibungen der Großbauern, der selbständigen Unternehmer und kleinerer privater Gewerbetreibender diente vor allem der Durchsetzung der kommunistischen Herrschaft. 
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Rehabilitierungsmöglichkeiten  

Von der Zwangsaussiedlung Betroffene können sich nach dem Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetz (VwRehaG) rehabilitieren lassen. Der Deutsche Bundestag hat im Gesetzestext die Zwangsaussiedlung als besonders eklatanten Fall der politischen Verfolgung benannt: § 1 Abs. 3 VwRehaG „Mit tragenden Grundsätzen eines Rechtsstaates schlechthin unvereinbar sind die Zwangsaussiedlungen aus dem Grenzgebiet der früheren Deutschen Demokratischen Republik auf der Grundlage der Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands vom 26. Mai 1952 (GBl. Nr. 65 S. 405) oder der Verordnung über Aufenthaltsbeschränkung vom 24. August 1961 (GBl. II Nr. 55 S. 343). Das gleiche gilt für die mit den Zwangsaussiedlungen in Zusammenhang stehenden Eingriffe in Vermögenswerte.“

Die verwaltungsrechtliche Rehabilitierung ermöglicht je nach verletztem Rechtsgut (Vermögen, Beruf, Gesundheit) die Inanspruchnahme von Entschädigungsleistungen nach Vermögensgesetz, Beruflichem Rehabilitierungsgesetz und Bundesversorgungsgesetz. Einen vollen Schadensersatz hat der Gesetzgeber allerdings nicht vorgesehen.
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Die Thematik in den Medien

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Interaktive Karte
Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

Cover Bericht

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