Montag, 24.April 2017

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Gericht hat am 13. März in Bratislava Präzedenzfall geschaffen

Der 18-jährige Magdeburger Hartmut Tautz floh im August 1986 aus der DDR. Er sah für sich keine Perspektive. Ein Musikstudium war ihm untersagt worden, der Militärdienst stand kurz bevor. Hartmut Tautz fuhr nach Bratislava und sondierte mögliche Fluchtwege gen Österreich. Am Abend des 8. August 1986 startete er das gefährliche Unterfangen. Er durchschnitt einen Drahtzaun, überwand weitere Hindernisse, ist am Ende nur 22 Meter von der Grenze zu Österreich entfernt. Doch Grenzsoldaten hetzten zwei speziell auf Menschen trainierte Schäferhunde auf ihn. Sie zerfleischen den jungen Mann. Die beiden Grenzer Ivan Hirner und Oldřich Kovář sammelten den heftig Blutenden auf und warfen ihn auf einen Transporter. Hartmut Tautz hätte überleben können, wäre er rechtzeitig in das nur 20 Minuten entfernte Militärkrankenhaus gebracht worden. Stattdessen wurde er erst in einer Kaserne verhört. Erst nach eineinhalb Stunden wird der Flüchtling ins Hospital gebracht. Ein Feldarzt notierte: „Kaum wahrnehmbarer Blutdruck. Puls kaum zu spüren.“ Im Morgengrauen des 9. August verstarb der Schwerverletzte.

 

Seit 2016 erinnert in der Nähe des Fluchtorts ein Gedenkstein an jenes tragische Ereignis.
2015 startete die Platform of European Memory and Conscience den Versuch der Rehabilitierung der Opfer und die Verurteilung der für den Tod der Flüchtlinge verantwortlichen (Justice 2.0). Sie veröffentlichten die Namen von 22 Personen, die für den Tod des jungen DDR-Flüchtlings verantwortlich waren. Die Liste reicht vom damaligen tschechoslowakischen Parteichef Milouš Jakeš und dem Regierungschef Lubomír Štrougal bis hin zu den beiden erwähnten Grenzern. Die Zeitung Dennik N hat seinerzeit versucht, mit einigen der Verantwortlichen zu sprechen. Die meisten redeten sich mit Gedächtnisverlust heraus. Schuldig fühlte sich keiner.
Es wurde auch kein Grenzer oder Vorgesetzter je in der Slowakei vor Gericht gestellt. Das trifft auch auf die Vertreter der damaligen Partei- und Staatsführung in Prag zu. Zwar hat die Behörde für die Dokumentation und Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus Štrougal als schuldig für die Toten an der Grenze in den Jahren 1961 bis 1965 bezeichnet, als das Grenzregime unter seiner Leitung als damaliger Innenminister stand. Dort starben vor allem an Starkstromleitungen 33 Flüchtlinge. Diese Dinge seien aber längst verjährt.

Am 13. März 2017 wurde Hartmut Tautz auf Antrag der Angehörigen und der Platform of European Memory and Conscience vor dem Bezirksgericht Bratislava rehabilitiert. Der Anwalt, der die Mutter und die Schwester von Tautz vertrat, wies darauf hin, dass der junge Flüchtling aus der DDR bislang keinerlei Anrecht auf Rehabilitierung hatte, weil er nicht wegen des Fluchtversuchs verurteilt wurde, sondern vorher verstarb. Erst mit dem jetzigen Urteil könnten die Hinterbliebenen auch eine Entschädigung einklagen. Da der Richterspruch aus Bratislava ein Präzedenzfall sei, so erklärt Dr. Neela Winkelmann (Managing Director der Platform of European Memory and Conscience), träfe die Entschädigungsregelung auch auf andere Tote am Eisernen Vorhang in der Slowakei zu.

Mehr dazu auf Tiroler Tageszeitung Onlinememoryandconscience.eu und diesem Bericht auf der Webseite des Landesbeauftragten

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