Donnerstag, 23.November 2017

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FreyerSonneberg gedenkt der Zwangsausgesiedelten am 6. Juni mit einem Gedenkakt. Der Verein Opfer des Stalinsmus (OdS) setzt sich seit einer Generation für die Erinnerung an die "AKtion Ungeziefer" und die anderen Deportations- und Verleumdungsaktionen und ihren Opfern ein. Der Landkreis und die Stadt haben den Tag, an dem 1952 mehr als 500 Menschen in Güterwagons gesetzt wurden und ihre Heimatverlassen mussten, den Tag an dem sich Menschen aus Angst vor der Deportation das Leben nahmen oder in die Bundesrepublik flüchteten zum Sonneberger Gedenktag erklärt. Der Bund der Vertriebenen nimmt an den Erinnerungen teil und lädt die Zwangsausgesiedelten ebenfalls zur Gedenkfeier am 20. Juni ein.

Aus der Rede des Landesbeauftragten: "Wir erinnern heute an das Leid der Denunzierten und Vertriebenen. Wir, die wir Vergleichbares nicht erleben mussten, können die Schrecken nicht nachfühlen, die die Opfer der Zwangsaussiedlung erlebt haben. Wir sind es ihnen aber schuldig, ihrer Schicksale zu gedenken und die Erinnerung wachzuhalten – und dies in dreierlei Hinsicht.


Wir erinnern erstens an die Schrecken des Heimatverlustes in Thüringen – im Juni 1952, im Oktober 1961 und später. Insgesamt waren weit über 5.000 Thüringer betroffen. Die Menschen verloren Haus und Hof, Hab und Gut, ihre Tiere, ihre Freunde, ihre Nachbarn, ihre Arbeitskollegen, ihre Kirchgemeinde. Viele sahen ihre Heimat nie wieder. Die Zwangsausgesiedelten wurden anfangs oft miserabel untergebracht. Ihr Ruf wurde beschädigt. Hinzu kam oft ein wirtschaftlicher Abstieg: Die Entschädigung für Hab und Gut war nur dürftig. Die neue Arbeit oft schlechter. Diese Erlebnisse, das Gefühl der Stigmatisierung und der Entwurzelung begleiteten und begleiten die Zwangsausgesiedelten teilweise bis heute. Darüber reden konnten die Betroffenen bis 1989 nicht. Sie teilten so das Schicksal der vielen Millionen Heimatvertriebenen und Aussiedler.
Heute erzählen davon Gedenkstätten und Heimatmuseen. Inzwischen gibt es literarische Zeugnisse wie der Roman „Kornblumenkinder“ der Thüringer Schriftstellerin Verena Zeltner. Es ist wichtig, dass es diese und viele andere Zeugnisse gibt. Es ist wichtig, dass die Erinnerungen der Deportierten sowohl in ihrer alten Heimat, als auch in den Orten, in die sie deportiert wurden, gewürdigt werden. Die Schicksale der Zwangsausgewiesenen sind uns Mahnung, dass Vertreibung niemals Mittel der Politik sein darf.
Wir erinnern zweitens zugleich daran, dass die SED ihre Herrschaft auf Angst und Denunziation aufbaute. Bis zuletzt hatte die SED Listen erstellt, mit Menschen, die – falls der Befehl kam – inhaftiert und isoliert werden sollten. Keiner konnte sicher sein, dass er nicht auf der Liste stand. Der sogenannte Vorbeugekomplex der SED-Leitungen in Kooperation mit Militär, Polizei, Verwaltung und Staatssicherheit war dabei nur die Spitze des Eisbergs. Es ist gerade Kennzeichen der kommunistischen Diktatur gewesen, dass nicht klar war, wann und warum jemand zum Staatsfeind erklärt wurde. Gerade auf Angst beruhte die Macht der SED. Hier im Grenzgebiet flohen vor 65 Jahren viele nach Bayern. Allein in Coburg meldeten sich im Juni 1952 über 600 aus der DDR geflüchtete. In der Bundesrepublik konnten sie sich eine Existenz aufbauen, obwohl sie meist mit Nichts ankamen. Es ist der Rechtsstaat, der Raum für Wohlstand schafft und der Willkür Einhalt gebietet.
Den Opfern des Unrechtsstaates einen würdigen und angemessen Raum zu geben, stärkt auch den Rechtsstaat.
Christa Wolf begann ihren Roman „Kindheitsmuster“, der ihre eigene Vertreibungsgeschichte thematisierte, mit der Feststellung: "Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd." Solange die Geschichte abgetrennt und fremd bleibt, bleibt sie quälend. In diesem Sinne ist unser Land auf die Partnerschaft der von der SED-Verfolgten angewiesen.
Und noch ein 3. Aspekt - mit diesem eng verbunden – liegt mir am Herzen. So wie jedes Einzelschicksal konkret ist, bedarf es der Vermittlung untereinander. Nicht nur die Zwangsausgesiedelten verloren ihre Würde und Heimat. Gestern berichtete der MDR unter „Wem gehört der Osten“ über den SED-Raubzug an der Ostsee als in der Aktion Rose 1953 über 200 Hotels und viele Gaststätten enteignet wurden. 400 Eigentümer wurden inhaftiert, viele vertrieben, viele flohen nach Westdeutschland. In Thüringen waren es Bauern, Hotelbesitzer in Oberhof oder einige Glasbläser im Thüringer Wald. Wer wirtschaftlich selbständig war, wurde von den sowjetischen Besatzungstruppen und der SED oft unter Verdacht gestellt und als Feind verfolgt. Im April haben wir in Geisa eine internationale Tagung durchgeführt, bei der verglichen wurde, wie Deportation, Vertreibung und Zwangsaussiedlung Teil der kommunistischen Herrschaft zwischen 1917 und 1989 wurde. Der russische Wissenschaftler Pavel Polian erklärte hier, dass Deportation und Entwurzelung in der Repressionsscala dem Mord nahesteht. Dabei erinnerte er an das Selbstverständnis der kommunistischen Herrscher. Die erste größere Ausweisung von Intellektuellen aus dem sowjetischen Russland vor fast 100 Jahren nannten die Revolutionäre als „vorausschauende Humanität“, denn so ihre Argumentation, nach dem Kriegsrecht seien sie gezwungen, die Betreffenden zu erschießen. In diesem Sinne gehören die Zwangsausgesiedelten in den Kontext von Deportation und Vertreibung während des 20. Jahrhunderts.
Meine Damen und Herren, es ist wichtig, an all dies zu erinnern: an die Schrecken der Entrechtung, der Deportation oder der Flucht, an die Schwierigkeiten des Ankommens und das lange Schweigen. Aber diese Erinnerung darf nicht nur am Jahrestag und im Kreis der Betroffenen und den Verantwortungsträgern stattfinden. Wir brauchen eine vielfältige Erinnerungskultur. Und ich denke, sie sollte europäisch sein. Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland den Gedenktag der Opfer von Flucht und Vertreibung am 20. Juni. An diesem Tag sollte auch der Zwangsausgesiedelten gedacht werden. In Sonneberg gibt es also in 14 Tagen ein weiteres Gedenken. In Sonneberg haben Sie auch hier am Gedenkstein die Nähe schon zum Ausdruck gebracht.
In diesem Jahr stehen die Zwangsausgesiedelten im Fokus des Gedenktages für die Opfer der SED-Diktatur. Die größte Widerstandsaktion während der „Aktion Ungeziefer“ vor 65 Jahren gab es in Streufdorf in Thüringen. In der Nacht läutete die Glocke, dann setzten sich viele Menschen zur Wehr. Unterstützt wurden sie von Arbeitern, die gezwungen wurden, den 10-Meter-Streifen zu roden. Der Widerstand wurde wenig später von einer Hundertschaft des Polizeischnellkommandos gebrochen, die am Protest Beteiligte festnahm. Fünf Männer wurden dann zu Haftstrafen verurteilt. Es war wie die Vorwegnahme des 17. Juni in einem Ort an der Westgrenze. Der Freistaat Thüringen steht zu seiner Verantwortung für die Zwangsausgesiedelten. Die zentrale Gedenkfeier zum Gedenktag der Opfer des SED-Unrechts wird dieses Jahr in Streufdorf begangen. Die Opfer der Vertreibungen werden nicht vergessen, sie gehören in unsere Mitte und verbinden uns mit den Nachbarn, die ebenfalls kommunistische Vertreibungen erleiden mussten."
Nachtrag:
Das "Freie Wort" Sonneberg berichtet am 7.6.2017 u.a.: "'Wenn wir den Opfern Raum geben, das stärkt den Rechtsstaat", betonte Dietrich. Der Landesbeauftragte plädierte für Gedenken im nationalen wie europäischen Rahmen. EIn Anfang sei gemacht, denn die zentrale Gedenkveranstaltung des Freistaats zum 17. Juni in Streufdorf rücke die Opfer der Zwangsaussiedlung in den Mittelpunkt der Erinnerungskultur."

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Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

Cover Bericht

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Der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

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