Donnerstag, 23.November 2017

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Gespräch mit dem Thüringer Landesbeauftragten Christian Dietrich in der aktuellen Jubiläumsausgabe der "Gerbergasse 18"

Mit freundlicher Genehmigung der Geschichstwerksatt Jena veröffentlichen wir einen Auszug aus dem Interview, das Stefan Walter und Daniel Börner mit Christian Dietrich geführt haben: 

Im Jahr 1996 – vor 20 Jahren – erschien das erste Heft der „Gerbergasse 18“, seitdem besteht die Kooperation mit dem/der Landesbeauftragten. Welche Rolle für die Anliegen der Aufarbeitung und politischen Bildung in Thüringen konnte unsere Zeitschrift in diesen zwei Jahrzehnten wahrnehmen?
Die Zeitschrift hat sich von der ersten Nummer an der regionalen Erinnerungskultur, der historischen Aufklärung und der Demokratiebildung verschrieben. Im ersten Heft hatten Udo Scheer und Jürgen Fuchs sich zu geschichtspolitischen Fragen geäußert, die auch heute relevant sind. Einige Entdeckungen aus der Forschung, die in der „Gerbergasse“ veröffentlicht wurden, haben zu Debatten geführt und letztlich auch Entscheidungen in den Parlamenten, beim MDR oder im Landessportbund angestoßen. 

Inzwischen liegt das 80.Heft vor. Wie kann und soll Ihrer Ansicht nach eine historisch-politische Zeitschrift weiterhin relevant bleiben für langjährige Abonnenten, aber auch lesbar und interessant für neue bzw. jüngere Lesergruppen?
Das Gründungsanliegen der Zeitschrift, die DDR verstehbar zu machen, hat nichts an Aktualität verloren. Vor 20 Jahren war die Erlebnisgeneration noch mehr oder weniger unter sich. Inzwischen gab es in jeder Hinsicht einen Generationswechsel. Die Zeitschrift blieb jung. Neue Fragestellungen und Perspektiven, das Layout und ein Autorenkreis weit über Thüringen und Deutschland hinaus sind zukunftsweisend. Verschiedene Untersuchungen der letzten Jahre unter Schülern, aber auch der jährliche Thüringen-Monitor zeigen, dass sich der fundamentale Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur für viele nicht erschließt. Historisches Wissen und Demokratiebildung korrelieren miteinander. Populärwissenschaftliche Beiträge sowohl aus historischer als auch politologischer Perspektive sollten sich ergänzen und auch als ein Angebot für Pädagogen verstanden werden. Ich kann mir vorstellen, dass – vielleicht über eine eigene Internetseite – auch die Debattenkultur gestärkt wird. Verschiedene Thüringer Institutionen publizieren seit Jahren Forschungsergebnisse (Quellen, Tagungsdokumentationen und Erinnerungsbände). Vielleicht ist es möglich, eine Thüringer Zeitgeschichtsreihe zu entwickeln, die die gewachsenen Kooperationen auch durch eine Publikationskooperation dokumentiert? 

Sie schauen im November 2016 auf eine dreijährige Tätigkeit als Landesbeauftragter zurück. Welche zentralen Fragestellungen, Themen und Projekte prägten diese Zeit?
Als ich im November 2013 gewählt wurde, hatten sich die Koalitionäre im Bund darauf verständigt, die Nutzungsmöglichkeiten der Archive (Bundesarchiv- und Stasi-Unterlagen-Gesetz) zu verbessern sowie die Gesetzgebung für die Rehabilitierung der Opfer der SED-Diktatur zu reformieren und zu verstetigen. Beides ist nur in Ansätzen gelungen und beschäftigt uns weiterhin. Bis Ende September 2014 konnten Menschen, denen in DDR-Kinderheimen Unrecht geschehen ist, einen Unterstützungsantrag beim Kinderheim-Fonds stellen. Das führte dazu, dass sich in Thüringen weit mehr als tausend Menschen erstmals ihren Verletzungen stellten und sich dazu gegenüber Außenstehenden äußerten sowie Gespräch und Beratung suchten. Mit der Heimunterbringung stellten sich oft auch Fragen nach den Eltern und insbesondere den Motiven der staatlichen Eingriffe. Kindesentzug und das System der Kinderheime in der DDR wurden so verstärkt zu einem Beratungs- und Forschungsthema. Die Wahl eines Ministerpräsidenten der LINKEN und die daraufhin erfolgte Umstrukturierung der Exekutive hat zu großen emotionalen Kontroversen geführt. Was bei den einen mit Hoffnung verbunden ist, ist für andere eine Bedrohung. In der Koalitionsvereinbarung wurde den verfolgten Schülern, die sich heute in einer sozialen Notlage befinden, Hoffnung auf eine rechtliche Besserstellung gemacht. In diesem Zusammenhang gab es die Erwartung, dass DIE LINKE sich mit der kirchenfeindlichen Tradition der SED und der verweigerten Religions- und Gewissensfreiheit in der DDR auseinandersetzt. In den fast drei Jahren meiner Amtszeit hat sich die Gedenkstätte Andreasstraße etabliert. Der Übergang vom Engagement der verschiedenen Vereine und gesellschaftlichen Akteure in eine Institution war konfliktträchtig und hat sich gelohnt. Ich wünschte, es gebe auch in Suhl eine Institutionalisierung am authentischen Ort. Wenn der Moment verpasst wird, mit den Betroffenen in der offenen Auseinandersetzung die Strukturen zu entwickeln, wird es schwerer, Gedenk- und Bildungsorte zu realisieren. Momentan ist für uns die Erinnerung an die Zwangsausgesiedelten ein Schwerpunkt. Die Zwangsaussiedlungen erfolgten vor allem in Thüringen. Sie stehen im Kontext der kommunistischen Vertreibungs- und Deportationspolitik. 

Blicken wir nach vorn: Können Sie die gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitsschwerpunkte Ihrer Behörde skizzieren?
Die Menschen, die in der SED-Diktatur verfolgt sowie sozial, gesundheitlich, beruflich geschädigt wurden und unter den Folgen heute leiden, sind eine Herausforderung für unsere Gesellschaft. Zumindest der Einsatz für Meinungs-, Glaubensund Gewissensfreiheit sollte heute gewürdigt werden. Die Beratung und Unterstützung bei der Aufklärung und Interessenwahrnehmung von Einzelnen und Gruppen ist wohl noch länger ein Schwerpunkt meiner Behörde und der Beratungsinitiative SED-Unrecht. Vor Kurzem gab es ein Forum zur Verfolgung der Christen in der DDR, bei dem viele Teilnehmer feststellten, dass ihnen nicht bewusst war, welche Konsequenzen die Diktatur einer Partei hatte, die Christen per se aus ihren Reihen ausschloss. Viele Christen wurden schon in ihrer Schullaufbahn „ausgemustert“. Gerade für verfolgte Schüler stehen seit Jahren auch rechtliche Schritte zur „Entschädigung“ aus. Ein anderer Schwerpunkt meiner Behörde ist die öffentliche Aufklärung und die Unterstützung der Bildungsträger in Thüringen. Zur Demokratiebildung gehört auch die Wertschätzung der Religionsfreiheit – um beim angesprochenen Themenfeld zu bleiben. Welche Auswirkungen hatte und hat die SED-Religionspolitik? Sowohl Politologen als auch Soziologen und Historiker sind dazu ins Gespräch zu bringen – wie es die „Gerbergasse 18“ 2013 getan hat. Letztlich bedarf es öffentlicher und halböffentlicher Reflexionsräume für die familiären Erinnerungen. Demokratiebildung ohne historische Substanz gibt es nicht. In diesem Sinne brauchen wir die Öffnung der Akten und barrierefreie Findmittel genauso wie regionale historische Forschung und Orte, an denen sich mit den Erkenntnissen und den Zeugen auseinandergesetzt wird. Erkenntnisgewinn wird es jedoch nicht ohne einen klaren Blick auf das Machtgefälle und die fehlenden Grundrechte im sowjetischen Imperium und im SED-Staat geben.

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen Jubiläumsausgabe 3/2016. Die neue „Gerbergasse 18“ ist ab sofort im Jenaer Buchhandel und bei der Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.

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Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

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Der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

Postfach 90 04 55 | 99107 Erfurt

Tel.: 0361 57 3114-951
Fax: 0361 57 3114-952
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Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur trägt zur umfassenden Aufarbeitung von Ursachen, Geschichte und Folgen der Diktatur in der SBZ und in der DDR bei.

www.bundesstiftung-aufarbeitung.de

der bundesbeauftragte

Der Bundesbeauftragte
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

www.BStU.bund.de

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