Montag, 29.Mai 2017

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Fritz Richter und Norbert Sommer kannten sich bereits aus Ihrer Schulzeit an der Geschwister-Scholl-Oberschule in Sondershausen - und teilten die gleiche politische Meinung: Schon Ende der 40er Jahre waren beide unzufrieden bezüglich der Verhältnisse in der SBZ. Daran änderte sich auch nichts nach Gründung der DDR; im Gegenteil, sie fühlten sich unfrei und waren entschlossen, gegen die aufkeimende SED-Diktatur im Sinne der Geschwister Scholl zu protestieren. So führten Richter und Sommer schließlich 1950 gemeinsam mit ca. 20 weiteren Schülern der Geschwister-Scholl-Oberschule sowie anderen Jugendlichen politische Flugblatt-Aktionen in Sondershausen aus, um Ihren Unmut Ausdruck zu verleihen.
Mit Losungen wie "Freiheit der Ostzone" oder "Feindschaft dem Stalinismus!" sollte die Zivilcourage in Sondershausen belebt und die Bevölkerung zum Nachdenken animiert werden. Hier zu sehen ist ein typisches Flugblatt aus den 50er Jahren. Ein Ähnliches hatte die Widerstandsgruppe um Norbert Sommer und Fritz Richter im Frühjahr 1950 in Sondershausen verteilt:

Flugblatt

 

 

Durch den Verrat eines Spitzels, der in Westberlin im Ostbüro der CDU tätig war, kam das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schließlich auch dieser Widerstands-Gruppe aus Sondershausen auf die Spur. Nach Vernehmungen eines Gruppen-Mitglieds Anfang September 1952 wurden die Studenten Sommer und Richter in Jena am 10.09.1952 verhaftet und in die MfS-Untersuchungshaftanstalt nach Erfurt überführt.

Fritz RichterNorbert Sommer

Am 23.01.1953 verurteilte das Bezirksgericht Erfurt neben vier weiteren Fritz Richter (U-Haft-Foto links) zu neun und Norbert Sommer (U-Haft-Foto rechts) zu sieben Jahren Haft wegen „Boykotthetze“ (Artikel 6, Verfassung der DDR).

Aus dem Zuchthaus Untermaßfeld bei Meiningen wurden beide erst nach fast vier Jahren Haft im Juni und Juli 1956 entlassen. Sie flohen dann in die Bundesrepublik.
Um Jugendlichen die Werte von Demokratie und Rechtsstaat näher zu bringen und von ihren Erfahrungen mit der SED-Dikatur, MfS und politischer Inhaftierung zu sprechen, arbeiten Fritz Richter und Norbert Sommer als Zeitzeugen mit dem Landesbeauftragten zusammen.
Erst vor wenigen Tagen waren die beiden im Rahmen des Quellen-Zeitzeugen-Projekts des Landesbauftragten als Zeitzeugen in Sondershausen an ihrer „Oberschule“, wo sie einst das Abitur ablegten, und die heute als Staatliches Gymnasium immer noch den Namen "Geschwister Scholl" trägt. Hier berichteten Sie den Schülern der Klassen 10 bis 12 von ihrer Widerstandsgruppe und den Flugblatt-Aktionen. Beide beantworteten dabei zahlreiche Fragen der Schüler; etwa zu ihren damaligen Motiven, Ängsten und Erfahrungen. Zuvor wurden die Schüler durch Dr. Matthias Wanitschke, Referent für Schülerarbeit beim Landesbeauftragten, anhand von Quellenmaterial in den Fall eingearbeitet. Diese stammen hauptsächlich aus dem Aktenbestand des MfS. Er umfasst das gesamte Vorgehen der SED-Justiz gegen die Jugendlichen, also deren U-Haft-Zeit von 1952 mit Untersuchungs-, Anklage- und Gerichts-Verfahren sowie deren Strafhaft-Zeit bis zur Entlassung 1956.
Hier zu sehen, die beiden Zeitzeugen sind im Gespräch mit Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums (Fritz Richter links, Norbert Sommer rechts - s.a. älterer Bericht eines Projektes in Neudietendorf):
Sommer Richter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Montag, den 22. Februar 2016 wird im feierlichen Rahmen eine Gedenktafel am Geschister-Scholl-Gymnasium eingeweiht, die der couragierten Widerstands-Aktion der Gruppe gedenkt. Folgende Gruppenmitglieder sind uns heute bekannt:
Verurteilte Mitglieder
  1.    Lothar Bodemann - 3 Jahre Zuchthaus
  2.    Herbert Knauf  -  3 Jahre Zuchthaus
  3.    Karl-Heinz Buchholz -  5 Jahre Zuchthaus
  4.    Norbert Sommer - 7 Jahre Zuchthaus
  5.    Helmut Schlotter - 9 Jahre Zuchthaus
  6.    Fritz Richter - 9 Jahre Zuchthaus
Mitglieder (alphabetisch)
  7.    Konrad Bärwinkel (Abitur 1951)
  8.    Günter Bock (Abitur 1951)
  9.    Klaus Harz (Abitur 1951)
10.    Joachim Herold (Abitur 1950)
11.    Winfried Krone (Abitur 1950)
12.    Helmut Lange (Abitur 1949)    
13.    Ernst Russ (in SDH aus pol. Gründen 1951 nicht zugelassen, Abitur in Westdeutschland)
14.    Herbert Vollrath (Abitur 1951)
15.    Alfred Wagner (Abitur 1950)
Ältere wichtige Mitstreiter
16.    Klaus Jahn
17.    Dietrich Weber
Mitwisser
18.    Werner Böhner (Abitur 1949)
19.    Eberhard Schütz  (Abitur 1948)

 

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