Dienstag, 24.Mai 2022

LBFT Marke RGB online

Kreisverweise in Thüringen

Die Ausweisungen aus dem Kreis gingen einher mit den Enteignungen landwirtschaftlicher Güter, privatwirtschaftlicher Industriebetriebe, Hotels und Pensionen im Zeitraum von Herbst 1945 bis in die 1950er Jahre. Die Enteignungen und Vertreibungen der Großbauern, der selbständigen Unternehmer und kleinerer privater Gewerbetreibender diente vor allem der Durchsetzung der kommunistischen Herrschaft.
Auch wenn sich die Ausweisungsgründe unterschieden, ähnelte der Ablauf der staatlichen Maßnahme: Mit der Beschlagnahme des Besitzes und Vermögens wurde der Enteignete mit seiner Familie in schriftlicher oder mündlicher Form von seinem Besitz verwiesen. Der Heimatkreis musste meist innerhalb weniger Tage oder gar Stunden verlassen werden. Nur einige persönliche Sachen und etwas Hausrat durften mitgenommen werden. Mitunter überwachten Polizisten die Vertreibung. In Fällen von Gegenwehr drohte die Einweisung ins Gefängnis oder ins Speziallager. Eine Rückkehr in den Heimatort wurde untersagt. Viele Enteignete flüchteten in die westlichen Besatzungszonen bzw. in die Bundesrepublik und wurden dort als politische Flüchtlinge anerkannt und erhielten den Flüchtlingsausweis C.
Formell legitimiert wurden die Enteignungen und die damit verbundenen Kreisverweise durch Verordnungen und Gesetze der jeweiligen Landesregierungen. In Thüringen fanden mehrere Ausweisungswellen statt. Die ersten Kreisverweise hatten ihren Ursprung in der sogenannten demokratischen Bodenreform: Ab September 1945 wurden unter der Parole „Junkerland in Bauernhand“ agrarische Großgrundbesitzer, aber auch Klein- und Mittelbauern, enteignet. Vergleichbar hierzu waren auch die Aktionen gegen selbständige Unternehmer, deren Betriebe in Volkseigentum überführt wurden. Eine weitere Welle von Kreisverweisen zog dann 1950 und 1951 die Aktion „Oberhof“ nach sich, bei der Hotel- und Pensionsbesitzer enteignet und ausgewiesen wurden, um die privaten Unterkünfte in Oberhof in staatliche Erholungs- und Kureinrichtungen zu überführen.

Kreisverweise im Zusammenhang mit der Bodenreform 1945 bis 1948

Anfang September 1945 wurde in allen Ländern der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) eine Bodenreform beschlossen, die den Rahmen für eine erste Welle von Kreisverweisen bildete. Unter der sozialistischen Parole „Junkerland in Bauernhand“ kam es auch in Thüringen zu Vertreibungen enteigneter Landbesitzer aus ihren Heimatkreisen. 

Bodenreform Thueringen Gesetz Web

Formale Grundlagen hierzu bildeten das Gesetz über die Bodenreform im Land Thüringen vom 10. September 1945, die Ausführungsverordnung zum Gesetz und weitere Verordnungen der Landesregierung. Im Bodenreformgesetz wurden zweierlei Motive für die umfassende Enteignung von Grundbesitzer deutlich. Neben dem vor allem propagierten politischen Motiv, die „Herrschaft der Junker und Großgrundbesitzer im Dorfe“ zu brechen und damit dem Faschismus den Nährboden zu entziehen, wurde ein sozialer Beweggrund genannt: Die Versorgung der vielen „Umsiedler“, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in die SBZ strömten. Unter dem Druck der „Umsiedlerfrage“ schlossen sich auch die bürgerlichen Parteien der Forderung nach einer Enteignung der Großgrundbesitzer an. Das Enteignungskonzept sah vor, landwirtschaftliche Betriebe über 100 Hektar ohne Berücksichtigung des individuellen Verhaltens im Nationalsozialismus zu enteignen. Auch kleinere Höfe wurden beschlagnahmt, sofern die Besitzer als Kriegsverbrecher oder aktive NSDAP-Mitglieder eingestuft wurden. Das gesamte Vermögen der Familien wurde eingezogen und die Höfe unter treuhänderische Verwaltung gestellt. Innerhalb weniger Stunden mussten die Gutsbesitzer dann mit ihren Familien den Hof und den Kreis verlassen. Die Ausweisung erfolgte meist unter Polizeigewalt. Die Betroffenen durften nur wenige persönliche Sachen und Hausrat mitnehmen. In vielen Fällen wurden bereits im Vorfeld zahlreiche Großgrundbesitzer verhaftet und in Speziallagern interniert.
Die Sowjetische Militäradministration erklärte zum 1. Juni 1948 die Bodenreform als offiziell abgeschlossen. Bis dahin und auch danach traten aber immer wieder Probleme, Kritik und auch Widerstand gegen die Enteignungen und Kreisverweise auf. Die Bodenreform und die damit verbundenen Enteignungen unterschieden sich in Thüringen von der Gesamtentwicklung in der SBZ: Das „Junkertum“ spielte hier eine untergeordnete Rolle, da sich 1945 nur etwa 1 Prozent des Bodens in Hand von Großgrundbesitzern befand. Der ehemalige Besitz der thüringischen Landesherren war bereits in den 1920er Jahren in Staatsgut aufgegangen. Enteignet wurden vor allem Klein- und Mittelbauern, deren landwirtschaftliche Betriebe weit unter 100 Hektar lagen. Insgesamt wurden 1011 Betriebe beschlagnahmt und das Land in den staatlichen Bodenfonds aufgenommen. Die Zahl der mittels Kreisverweis aus Thüringen vertriebenen Bauern ist noch nicht erforscht.

 

Aktion „Oberhof“ 1950/1951

In Oberhof befanden sich bis Herbst 1950 nahezu alle Hotels und Pensionen in Privatbesitz. Um ausreichend Unterkünfte für den Feriendienst des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und für die Sozialversicherung zu schaffen, sollten die Einrichtungen in Volkeigentum überführt werden. Es war geplant, Oberhof zum Wintersportzentrum der DDR und zum Kur- und Erholungsort der „Werktätigen“ auszubauen. Es sollte demonstriert werden, dass die junge DDR ein „Land der Werktätigen“ sei. Dafür griff das Thüringer Innenministerium auf den Beschluss des Ministerrates vom 26. Januar 1950 „Abwehr gegen Sabotage“ zurück. Die Aktion „Oberhof“ verlief in mehreren Wellen.
Die erste Maßnahme begann am 2. November 1950 um 6 Uhr morgens: Zunächst wurden die 10 größten Hotels und Pensionen von Polizisten besetzt und durchsucht. Das Inventar wurde beschlagnahmt. Die Besitzer und Angestellten wurden auf die Straße getrieben. Das blieb der Oberhofer Bevölkerung nicht verborgen. Einige empörten sich über das polizeiliche Vorgehen. Auch die SED-Parteileitung Oberhofs und der Ortsausschuss der Nationalen Front äußerten ihren Unmut, da die Beschlagnahmungen und die Polizeimaßnahmen die Bürger verunsichert hätten. In den folgenden Tagen ging die Sonderkommission der Polizei, unterstützt vom Ministerium für Staatssicherheit und von Mitarbeitern der Landesfinanzdirektion Erfurt gegen weitere Einrichtungen vor, so dass insgesamt 32 Objekte durchsucht wurden. Die Geschäftsführer wurden verhaftet und 25 der 32 „Vorgänge“ übernahmen die Staatsanwaltschaften Suhl, Meiningen und Erfurt zur weiteren Bearbeitung.
Um die Beschlagnahme abzuschließen und weitere Sympathiebekundungen der Einwohnerschaft mit den Enteigneten auszuschließen, erließ das Ministerium des Innern schließlich die Verordnung über Aufenthaltsbeschränkungen im Landkreis Suhl vom 10. November 1950. Die Verordnung war derart weit gefasst, dass auch diejenigen Personen aus dem Landkreis verwiesen werden konnten, die „die antifaschistisch-demokratische Ordnung stören“. Zwischen dem 13. und 18. November 1950 wurden dann 25 Familien mit 89 Personen aus Oberhof und dem Landkreis Suhl ausgewiesen. Der neue Wohnort musste mindestens 50 Kilometer außerhalb des Landkreises liegen.
Verordnung Ausweisung LK Suhl WebZur Verwaltung der beschlagnahmten Hotels und Pensionen wurden Treuhänder eingesetzt. Den festgenommenen 22 Personen wurde bis Anfang April 1951 der Prozess gemacht. Es kamen zunächst nur die kleineren Fälle zur Verhandlung, wobei sich die Schöffen den Strafanträgen der Staatsanwaltschaft widersetzten. Die Höchststrafe betrug 2 Jahre und 6 Monate, was wiederum den Erfurter Generalstaatsanwalt Kurt Schmuhl und den Leiter der Kriminalpolizei Zahmel veranlasste, die „Fehlurteile“ zu beklagen. Aber auch in den größeren Prozessen, die ursprünglich als Schauprozesse vorgesehen waren und in denen die Große Strafkammer des Meininger Landgerichtes die Angeklagten als „Spekulanten und Ausbeuter“ öffentlichkeitswirksam verurteilen sollte, spielte das Gericht nicht in der gewünschten Weise mit. Beispielsweise konnte die Strafkammer dem angeklagten Hauptgesellschafter des renommierten Golfhotels in Oberhof, Franz Hermann Müller-Albert, einen Sabotagedelikt nicht nachweisen. Müller-Albert wurde daher nach Paragraph 10 der Wirtschaftsstrafverordnung zu einer Geldstrafe wegen Steuervergehen verurteilt und am 22. März 1952 nach 16-monatiger Haft aus dem Polizeigefängnis Gera entlassen.
Die Enteignungs- und Ausweisungsaktion war allerdings noch nicht abgeschlossen. In einer zweiten Ausweisungswelle am 25. November 1950 wurden 13 Familien mit 40 Personen aus dem Kreis verwiesen. In den Augen der Machthaber stellten diese vorrangig aufgrund ihrer „antidemokratischen und unsozialistischen Verhaltensweise“ einen „Unruheherd“ in Oberhof dar. Ihr Vermögen und ihre Betriebe wurden beschlagnahmt und gingen bald in Volkseigentum über. Insgesamt waren 15 Hotels und Pensionen, eine Autoreparaturwerkstatt, ein Friseurgeschäft, ein Gemüseladen, ein Malergeschäft, eine Zahnarztpraxis, eine Schuhmacherei, ein Sportartikelgeschäft und ein Laden für Glaswaren und Reiseandenken betroffen.
Eine dritte Aussiedlungsaktion am 7. Februar 1951, kurz vor der zweiten Deutschen Wintersportmeisterschaft in Oberhof, betraf 10 Familien und diverse Einzelpersonen, so dass über 20 Menschen des Kreises verwiesen wurden. 8 Hotels und Pensionen kamen in treuhänderische Verwaltung des Landes Thüringen und der Gemeinde Oberhof. Zudem wurden mindestens 3 Lehrer versetzt, was einer Ausweisung aus dem Kreis gleichkam. Unter strikter Geheimhaltung wurde diese Zwangsaussiedlung seit dem 19. Januar 1951 intensiv vorbereitet, wobei eine Liste über auszuweisende Personen wie bei den späteren großen Zwangsaussiedlungsaktionen „Ungeziefer“ (1952) und „Festigung“ (1961) erstellt wurde. Hierbei wurde auch auf die Berichte von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) zurückgegriffen. Unter den Zwangsausgesiedelten befand sich auch der Vorsitzende des Ortsausschusses der Nationalen Front, der im November des Vorjahres lautstark gegen die Ausweisung einiger Oberhofer Bürger protestiert hatte.
Zwischen November 1950 und Februar 1951 wurden insgesamt 48 Familien mit über 150 Personen aus Oberhof zwangsausgesiedelt. Des Weiteren wurden über 60 private Unternehmen enteignet. Der Oberhofer Pfarrer Helmut Teuber hielt in der Kirchenchronik die Familiennamen der Zwangsausgesiedelten fest. Er vermerkte auch, dass Familien im Umfeld der Vertreibung flohen.
Nach der Aktion „Oberhof“ fanden in weiteren Ferienorten des Thüringer Waldes (Friedrichsroda, Tabarz, Bad Liebenstein, Tambach-Dietharz) Enteignungen von Hotel- und Pensionsbesitzern statt (Sonderaktion „Gotha“).
Die rechtliche Grundlage für den Kreisverweis aus Oberhof stellte die Verordnung über Aufenthaltsbeschränkungen im Landkreis Suhl vom 10. November 1950 dar. Der Thüringer Innenminister Willi Gebhardt entwarf diese Verordnung. Gebhardt hatte sich zuvor die Zustimmung Walter Ulbrichts gesichert. Auch bei der Zwangsaussiedlungsaktion 1952 an der thüringischen innerdeutschen Grenze (Aktion „Ungeziefer“) war Gebhardt maßgeblich als Innenminister beteiligt.
Die Enteignung privater Hotel- und Pensionsbesitzer in Oberhof war das Schaustück einer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzung per Gerichtsurteil und zugleich Vorläufer weiterer Enteignungsaktionen zur Verstaatlichung des Tourismus in den ostdeutschen Mittelgebirgen und an der Ostsee. Die umfangreichste Überführung privatrechtlicher in volkswirtschaftliche Strukturen im Fremdenverkehr fand schließlich mit der Aktion „Rose“ im Februar und März 1953 an der Ostseeküste statt, als 440 Hotels und Pensionen und 181 Restaurants und Häuser beschlagnahmt und die meisten Besitzer ausgewiesen wurden.

ThLA-Navigator

Wie können wir Ihnen helfen?

Geben Sie einen Suchbegriff ein:

> Alle Dienstleistungen


Interaktive Karte
Zwangsaussiedlungen in Thüringen

Diese interaktive Karte zeigt über 200 Orte in Thüringen, die von Zwangsaussiedlungen betroffen waren. Klicken Sie auf die Markierungen, um mehr zu erfahren. 

Legende: 
Gelb: Zwangsaussiedlungen 1952
Orange: Zwangsaussiedlungen 1961
Rot: Zwangsaussiedlungen in mehreren Jahren

Beratungstermine Sidebar 2020

Seiten aus Taetigkeitsbericht ThLA 2019 20

Kontakt

Thüringer Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA)

Postfach 90 04 55 | 99107 Erfurt

Tel.: 0361 57 3114-951
Fax: 0361 57 3114-952
E-Mail:  info@thla.thueringen.de

Der Landesbeauftragte auf Facebook:

FB f Logo blue 100

Bundesstiftung Aufarbeitung

Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur trägt zur umfassenden Aufarbeitung von Ursachen, Geschichte und Folgen der Diktatur in der SBZ und in der DDR bei.

www.bundesstiftung-aufarbeitung.de

der bundesbeauftragte

Der Bundesbeauftragte
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik

www.BStU.bund.de

Cover Gerbergasse18 Heft 93