Sonntag, 25.Oktober 2020

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GG18 C95Ohne sie wären wir alle nicht da: die menschliche Sexualität. Dennoch ist das historische Befragen des Liebes- und Sexuallebens – in Ost und West – eher ein pikantes Randthema geblieben: oft ausgeblendet, gar tabuisiert oder auf knappe Psychogramme verkürzt. Neben Aufklärung gibt es viel Verklärung, weil hartnäckige Mythen und Klischees fortwirken – natürlich, wer könnte sich davon freisprechen?


Der Soziologe und Jugendforscher Kurt Starke, gerne als „Sex-Papst“ der DDR bezeichnet, hatte vor 1990 eine Studie mit einem westdeutschen Kollegen „Zum Sexualverhalten von Studenten aus BRD und DDR“ durchgeführt. Die „Bild“-Zeitung verkürzte die Ergebnisse wenige Monate vor der Wiedervereinigung mit großen Buchstaben zu: „DDR-Frauen kriegen öfter einen Orgasmus“. Solche und ähnliche Boulevard-Meldungen führen ein Eigenleben – eine Mischung aus wirkmächtigen und langlebigen Selbstund Fremdbildern über den „wilden“ Osten kursieren: ungezwungene Nacktheit im FKK-Paradies, ein natürlicherer Umgang mit dem eigenen Körper, die sexuell freizügige Ostfrau bei gleichzeitiger Abwesenheit von bürgerlichkirchlicher Moral und kapitalistischem Leistungsdruck.


Der Blick auf die Bereiche Liebe und Sexualität schließt immer auch Gesellschaftsgeschichte ein. Wie wurde und wird mit Minderheiten umgegangen, die andere Varianten der normierten Sexualität leb(t)en? Im vorliegenden Heft wird das eindrücklich am Beispiel eines schwulen NVA-Offiziers, lesbischen Frauen auf dem Land und dem Rechtsanwalt Hans Holbein aus Apolda gezeigt, der für die Freiheit des dritten Geschlechts eintrat und dessen Stiftung für sexuelle Aufklärung und Wissensvermittlung seit 100 Jahren einer Verwirklichung harrt. So ist das Reden über Liebe und Sex auch nach 30 Jahren gemeinsamer Ost-West-Verbindung geprägt von vielen Gemeinsamkeiten, aber auch bestimmten Unterschieden.


Weitere Beiträge im Heft widmen sich unter anderem der Mail Art in der DDR als Kunst der Korrespondenz, den Spätfolgen psychologischer Folter durch die Zersetzungsmaßnahmen der DDR-Geheimpolizei sowie der Frage, weshalb alte Kader immer noch großen Einfluss auf die Geschichtsschreibung der DDR-Seefahrt haben. Eine Rezension bespricht den Erinnerungsband „Zusammenbruch“ des einstigen FDJ-Chefs Eberhard Aurich.

Die neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 95) sind ab sofort im Buchhandel oder direkt bei der Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.

 

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